Catcher im Roggen

17 Jul

Es war einmal ein kleinwüchsiger Bäckermeister namens Eduard. Eduard hatte wallendes schwarzes Brusthaar, einen dicken Schnauzbart und stets eine Goldkette um den Hals. Frühmorgens trottete Eduard in seine Backstube und flocht Mohnflessen, formte Brotlaibe, buk allerhand Handgebäck und Torten. In seinem Verkaufsraum standen auch einige Tische, an denen man das Backgut verspeisen und Kaffee trinken konnte. Heimlich dachte Eduard deshalb darüber nach, seine Bäckerei Segafr-Edi zu nennen, doch die düstere Ausweglosigkeit des Daseins vertrieb allmählich seinen Elan und Tatendrang. Ringsum öffnete eine Bäckereikette nach der anderen, in scheinbar edler Ausstattung mit einem Backautomat, der die von Maschinen gefertigten Tiefkühlteiglinge zur frischen Waren transformierte.
Die Stammkundschaft starb ihm bald weg und die jugendlichen Taugenichtse bevorzugten ihre Moneten zu den neuen Mitbewerbern zu tragen, weil Neugierde und Trend und Style und so. Also schlürften sie ihre Latten und fraßen Tassentorten, während Eduard im leeren Geschäft stand und immer weniger buk. „Felber schuld!“, sagten die Jungen, wenn er ihnen ihr Leid klagte. „Aber ich will doch nicht am Ströckzipfel hängen“, erwiderte Eduard. „Mann kann es machen, wie man will“, erwiderten die Jungen, „aber bevor du untergehst, denk an den Anker!“
Die innere Leere und die seiner Bäckerei generierten allmählich den schaurigen Gedanken, den Beruf aufzugeben und tatsächlich zu verkaufen. Depressionen begannen ihn zu quälen, sein Hausarzt verschrieb ihm ein Thermenwochenende, weil er einen Vertrag mit einem Thermenhotel hatte, doch Eduard wehrte ab. Seine Atemleistung wurde zunehmend schlechter, bis der Hausarzt ein Wochenende am Meer verschrieb, weil er einen Vertrag mit einem Hotel am Meer hatte. Der Lungenfacharzt diagnostizierte eine Mehllunge. Es war schon so weit, dass Eduard seine Brotwecken mit Husten bestauben konnte. Für den Keksteig brauchte er nur mehr Eier, Zucker, Butter und tief auszuatmen. „Das war es dann wohl“, sprach Eduard zu sich und schloss die Tür seiner Bäckerei ab. Gebückt mit hängenden Schultern kroch er jämmerlich die Straße entlang.
Plötzlich hörte er Schreie, Stöhnen und einen lauten Knall. „Ziag eam die Gogerln lang, dem Oasch!“, quäkte ein altes Mütterchen. Eduard blieb stehen und schaute durch das Kellerfenster. In dem schummrigen Stüberl stand ein Ring, in dem zwei korpulente Männer mit massiver Muskelmasse miteinander rangen, sich abwechselnd in den Schwitzkasten nahmen und von den vereinzelt herumstehenden Zusehern angeschrien wurden. Eduard konnte seine Blicke nicht abwenden, bis der Finisher vollzogen wurde. Nachdenklich ging er heim, um in der Zeit zwischen Urlaub, Geschäftsverkauf und dem Warten auf die Frühpensionierung auf den Geschmack zu kommen.
Jahrelang hatte er mit sich, seiner Arbeit und der Konkurrenz gerungen, warum sollte er jetzt nicht weiter ringen? Eduard beschloss, mit dem Catchen zu beginnen. Er startete sein Wrestling-Training mit einem Immobilienmakler, der angeblich einmal Politiker gewesen sein soll. Peter „Haut’s de Oaschlecha ausse“ Wrestlerthaler, bekannt für seine Stoßstangentechnik, erwies sich jedoch als Dampfplauderer, also schrieb sich der Bäckermeister in einem Verein ein. Er trainierte und entwickelte Ehrgeiz, sodass er bald beschloss, bei einem Turnier anzutreten. Stolz nannte er sich „Catcher in the Rye“, Fänger im Roggen, um an seine Profession zu erinnern. Der Einfachheit halber begnügte er sich im Laufe der Zeit mit dem Namen „Roggen-Catcher“.
Die Amateure finishte er mit links. Mit seinem brotbraunen Wrestlinganzug, der sein Brusthaar formidabel zur Geltung brachte, avancierte er zum Publikumsliebling. Es schien, als hätte Eduard wahres Talent. Wie er früher Striezel flocht, formte er nun die Gliedmaßen seiner Gegner. Durch seine Kleinwüchsigkeit war er flink und kaum zu erwischen. Und wenn er sich einmal im Unterarmwürgegriff wiederfand und keine Chance mehr witterte, atmete er tief aus und blies seinem Gegner Mehlstaub in die Augen.
Je höher er in der Rangliste kam, desto anstrengender wurde es für Eduard. Storylines wurden erfunden, das Showprogramm wurde ausgebaut. Dies kam Eduard mit seinen Mehlauswürfen einerseits zugute, er bekam viel Applaus und Anerkennung – das alte Mütterchen, zum treuen Stammgast geworden, pflegte „Blos eam um, den Beidl“ zu schreien –, andererseits wollte er einfach nur des Ringens wegen ringen. Eduard haderte und dachte ans Aufgeben.
Eines Tages bekam er einen Anruf von einer Großbäckerei, die sein Geschäft kaufen wollte. Der Mann am Telefon bot ihm viel zu wenig, was Eduard zornig machte. Seine Contenance verlierend sagte Eduard: „Ich fordere Sie zum Duell! Wir catchen am Heumarkt, wie seinerzeit! Wenn ich gewinne, zahlen Sie das Doppelte, wenn Sie gewinnen, bekommen Sie meine Bäckerei gratis!“ Der Mann, der Mann hieß, war verdutzt und meldete sich länger nicht. „Gnä Herr, ist das nicht ein wenig unzeitgemäß? Wir san ja nicht beim Leutnant Gustl, nicht wahr?“ Eduard beharrte auf seinem Vorschlag und Mann überlegte. „Najo, irgendeinen kräftigen Lehrlingsbuben werden wir ja haben, den wir dort hinschicken können!“, dachte er sich und willigte ein.
Nun wurde eine offizielle Neuauflage des Heumarkt-Catchens nicht genehmigt, sodass Eduard mit einem Quadratmeter Sandplatz vorlieb nehmen musste, der über den Sommer am Areal des Wiener Eislaufvereines aufgeschüttet und gastronomisch verwertet wurde.
Das Ringen war keine klare Angelegenheit. Der Lehrling war kräftig und bis in die Haarstoppel motiviert und Eduard hatte lange nicht trainiert, weil seine Atmung immer schwächer wurde. Bis auf das alte Mütterchen war niemand gekommen, um Eduard anzufeuern. Sie machte ihren Job obligat gut („Prack erm ane, dem Fetzenschädl!“), doch Eduard konnte kaum mehr. Mit seinen letzten Kräften versuchte er, einen Hustenreiz zu generieren, was ihm tatsächlich gelang. Der Lehrling griff sich entsetzt an die Augen, ging zu Boden und Eduard wurde zum Sieger gekürt. Der Bäckermeister konnte nun sein Geschäft in gebührender Höhe verkaufen und beendete zugleich seine Karriere als Roggen-Catcher. Traurigerweise ging es wenige Monate später dem Ende zu, doch friedvoll schloss Eduard seine Augen und stieß den letzten mehligen Todesseufzer aus. Seine Gegner zittern heute noch und hauchen ehrfurchtsvoll: „Keine Macht den Roggen!“

Text: Mario Kopf

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